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Starnberger Hefte 41: fallen

Zuerst ein Blick auf die Vorgeschichte des Themas »fallen«: In der späten Kindheit, bei Fieber, träumte der Verfasser gern von einem alten Stich – wie ein Einband von Klaviernoten –, der einen Wasserfall zwischen Felsen zunächst nur abbildete und dann sogar verkörperte, mit donnernd nach unten stürzenden Fluten. – Nächstes Bild: der besorgte Zeichenlehrer, der in der Oberstufe den Coverentwurf des Verfassers für Camus’ späten Roman Der Fall (La chute) kommentiert und besorgt begutachtet. Es handelt sich um kleine Teile, Vorderräder von Spielzeugautos, die von einem turmartigen Block stürzen. »Sehr bedenklich«, sagt er, »sehr bedenklich. Und deine Farben sind in letzter Zeit so trüb geworden«. – Im Geschichtsstudium dann der naheliegende Versprecher »Fallbeilspiel« zur Veranschaulichung historischer Sachverhalte. – Hinzu kommen reale Absturzerlebnisse in den Bergen, so von dem ehemaligen Aschaffenburger Musiklehrer Joseph Hurler in diesem Heft geschildert und vom Verfasser selbst 2013 bei Kochel glücklich überstanden. – Besonders inspirierend war zudem Aki Kaurismäkis Film Fallende Blätter von 2023, der eine rührende Liebesgeschichte zwischen zwei einsamen Herzen im proletarischen Milieu Helsinkis zeigt und mit dem Chanson Les feuilles morts ausklingt.

Ernst Quester

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Starnberger Hefte 37: untätig

Die Anregung zu unserem Thema gab uns diesmal ein kenntnisreicher Essay Roger Schöntags über das literarische Motiv der Faulheit im Wandel der Zeiten. Hier knüpfen die meisten Geschichten und Gedichte des Heftes an.

Als Motto wurde aber nicht „faul“, sondern „untätig“ gewählt, weil diese Bedeutung offener ist, offen etwa für einen Gedanken der frühen chinesischen Philosophie, der sich im Ausdruck „Wuwei“ kristallisiert. Dabei steht „Nichthandeln“ im Mittelpunkt. So heißt es im „Tao Te King“, einem Lao Tse zugeschriebenen Werk: „Beim Nichtmachen bleibt nichts ungemacht“ (Kap. 48). Über den „Berufenen“ liest man: „Er lernt das Nichtlernen. / Er wendet sich zu dem zurück, an dem die Menge vorübergeht. / Dadurch fördert er den natürlichen Lauf der Dinge / und wagt nicht zu handeln“ (Kap. 64). Oder lapidar: „Wenn wir nichts unternehmen, so wird das Volk von selber reich“ (Kap. 57; alle Zitate nach der Übersetzung von Richard Wilhelm, 1911).

Wir freuen uns, dass es uns gelungen ist, zur Deutung dieses rätselhaften Begriffs einen Beitrag von Hanwoo Lee zu gewinnen, eines koreanischen Kenners der chinesischen Philosophie. – Besonders danken wir auch Annette Girke, Trägerin des Kunstpreises der Stadt Starnberg 2019. Sie stellte uns drei ihrer Gemälde zur Verfügung, auf denen eine Schwimmerin am Rand des Pools eine Pause einlegt. Diese erholsame Ferienpause wünschen wir allen, die dieses Heftchen lesen.

Die Redaktion

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